Warum wird die Pille so häufig verschrieben?

Warum wird die Pille so häufig verschrieben?

25. April 2021 0 Von Marina

Warum wird die Pille so häufig verschrieben?
Warum bekommen so viele junge & vor allem gesunde Frauen ein Medikament verschrieben, dessen Nebenwirkungen bekannt sind?
Ein Medikament, welches welches massiv in das Hormonsystem und das Zyklusgeschehen eingreift.

Diese Fragen habe ich mir tatsächlich schon oft gestellt. Und auch meiner Gynäkologin.
Ihre Antwort darauf war: “Ganz ehrlich, Frau Bartmann. Lieber ich verschreibe den jungen Mädels die Pille anstatt später eine Abtreibung durchzuführen. Ich in schon froh, wenn die nicht vergessen die Pille zu nehmen. Den meisten jungen Frauen traue ich andere Verhütungsmittel kaum zu.”
Irgendwie kann ich sie ein bisschen verstehen… Aber kann das alles sein? Ich glaube nicht.

Interview mit Dr. Dorothee Struck

Vorhin habe ich ein Interview mit Dr. Dorothee Struck für “Neon” gelesen. Zwar ist es aus dem Jahr 2019, aber es hat mir die ein oder andere Antwort gegeben.
Es scheint ein multifaktorelles Problem, also ein Problem bei dem verschiedene Faktoren eine Rolle spielen.

Mangelnde Ausbildung im Bereich Verhütung

Das Thema “Verhütung” wurde, so Dr. Struck, vor kurzem erst in den Ausbildungs-Katalog aufgenommen (Stand: 2019).
In ihrer Ausbildung wurde über dieses Thema gerade mal eine Doppelstunde lang unterrichtet, berichtet sie im Interview. Den Großteil der Zeit wurde über die Pille gesprochen. Über Alternativen wurden die angehenden Gynökologen*innen kaum unterrichtet. Allein daran sind doch die ersten lücken im System zu erkennen… Es fehlt von Anfang an eine gute Grundlage.

Hinzu kommt, dass die meisten Gynäkologen*innen ihre Facharztausbildung in Krankenhäusern machen. Dort lernen sie natürlich in erster Linie andere Dinge. Das Thema “Verhütung” ist in Kliniken kaum relevant.

Für Ärzte*innen gibt es inzwischen Kurse, wie den “Pillen-Führerschein”. So lernen sie zwar viel über die Pille, jedoch kaum etwas über alternative, hormonfreie Möglichkeiten. Da muss man schon Glück haben, an einen Arzt*in zu geraten, der diesem Thema offen gegenüber steht.

Zeit und Bezahlung der niedergelssenen Gynäkologen

Zeit ist Geld! Und so müssen auch Ärzte*innen wirtschaftlich denken. Leider häufig auf Kosten ihrer Patientinnen.
So bekamen Gynäkologen*innen im Jahr 2019 gerade mal 11,90€ für eine Verhütungsberatung. Diese wird einmal im Jahr von der Krankenkasse übernommen. Allerdings auch nur für verschreibungspflichtige Mittel, wie u.a. der Pille.
Dafür sind 11 Minuten vorgesehen. 11 Minuten in denen die Patientin beraten und untersucht werden muss. Außerdem soll ihr in dieser Zeit der Befund mitgeteilt und der gesamte Termin dokumentiert werden. Das scheint kaum machbar, ohne dass die Qualität darunter leidet.

Es wird also deutlich, dass Ärzte*innen weder Zeit noch Kapazitäten haben, ihre Patientinnen ausführlich aufzuklären und mit ihnen diverse Alternativen zu besprechen.

Die Pille scheint eine gute Lösung zu sein. Denn obwohl sie viele Nebenwirkungen hat, werden diese oft weder von den Patientinnen selbst, noch von den Gynäkologen*innen, mit der Pille in Verbindung gebracht.
So haben die Pillenanwenderinnen u.a. einen scheinbar regelmäßigen Zyklus und somit keine offensichtlichen Symptome, die eine lange Untersuchung erfordern.

Mal ganz davon abgesehen, dass sie mit dem ersten Rezept der Pille, quasi an die Praxis gebunden werden, da die meisten Frauen die Pille in der Regel viele Jahre nehmen werden.
Sie kommena also in regemäßigen Abständen erneut in die Praxis, um sich das nächste Rezept zu holen.

Die Pharmaindustrie

Die Pharmaindustrie profitiert natürlich am meisten vom Verkauf sowie der Vermarktung der Pille.
Die großen Ärztekongresse sind häufig von einem Pharmaunternehmen gesponsort, sodass dort vorallem die Pille vermarktet und repräsentiert wird. Hormonfreie Alternativen rücken da eher in den Hintergrund.
Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit der Gynäkologen*innen mit jedem Kongress-Bescuh auf die Pille, und weg von hormonfreien Alternativen, gelenkt.

Probleme auf allen Ebenen

Die Probleme ziehen sich durch so viele Ebenen.
Die Gynäkolgen*innen sind, durch das von Anfang an lückenhafte System, mehr oder weniger in ihrem Hamsterrad gefangen. Sie wissen es oftmals nicht besser, dass es vernünftige und sicherer Alternativen gibt. Mal davon abgesehen, dass mit diesen Alternativen kaum Geld zu machen ist.

Hinzu kommt die fehlende Aufklärung. Diese wird von Generation zu Generation weiter gegeben.
Mama hat ja schließlich auch schon mit 14 Jahren angefangen die Pille zu nehmen. Also kann die eigene Tochter das auch. Der Sexualkundeunterricht in den weiterführenden Schulen scheint auch nicht darum bemüht, diese Wissenslücken zu schließen.

Es ist also grundsätzlich ein System, in dem Aufklärung kaum einen Platz hat.
Jede Frau und jedes Mädchen sollte das Recht haben, von Anfang an, ausführlich über alle Möglichkeiten der Verhütung aufgeklärt zu werden. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Nur so ist es möglich, eine eigenverantwortliche, und vorallem eine für sich gute, Entscheidung zu treffen!


Hier verlinke ich euch noch das Interview von “Neon” mit Dr. Dorothee Struck